„Der vergessene Führer“ Alfred Hugenberg

Der Medienkonzern, der Hitler zur Macht verhalf.
4. Februar 2023 – 16 Uhr im NS-Dokumentationszentrum München

Filmvorführung, Lesung und Diskussion über Totalitarismus und Medienmacht mit Joachim Käppner (Süddeutsche Zeitung ), Peter Zimmermann (Bergische Universität Wuppertal) und Gabriele Hooffacker (Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig).

Der Münchner Dokumentarfilmer Peter Heller erzählt in seinem Film aus dem Jahr 1982 die faszinierende Geschichte eines Mannes, der anhand seines geschickt aufgebauten Zeitungs- und Filmimperiums die öffentliche Meinung in Großstädten genauso wie in der Provinz prägte wie kein anderer in der Zeit der Weimarer Republik: Alfred Hugenberg. Seine Zeitungen stellte er schon früh in den Dienst des Kampfes gegen die Weimarer Demokratie.

In Interviews mit Journalisten und Zeitzeugen und anhand unzähliger Bild-und Tondokumente zeichnet Heller die Geschichte des Medienkonzerns von den Anfängen 1916 bis zur Machtergreifung Hitlers, von seiner „Regierung der nationalen Erhebung“ bis zur Grundsteinlegung der Deutschen Film-Akademie 1938 nach – und belegt das „geräuschlose Funktionieren“ des Machtapparats, der die Loyalität der Massen in der ersten Republik gewann. „Neue“ Medien wurden für alte, konservative Inhalte instrumentalisiert und die faschistische Ideologie auf allen medialen Wegen in die Hirne der Leser und Zuschauer transportiert.

Zur Filmvorführung präsentieren Klaus Wernecke und Peter Heller die Neuauflage des zum Film erschienenen Buches „Medienmacht und Demokratie in der Weimarer Republik“ (erscheint bei Brandes&Apsel), aus dem zur Filmvorführung auch Auszüge gelesen werden von Julia Cortis. //

Wer war Alfred Hugenberg? Ein Charismatiker war er jedenfalls nicht, der 1865 geborene, untersetzte und kurzsichtige Medienmogul. Immer in Weste und Sonntagsstaat ähnelte er eher einem wilhelminischen Geheimrat. 1927 verwirklicht er sein Vorhaben, auf die »populäre Propagandakraft des Films Einfluß zu nehmen«, und übernimmt mit Überschüssen aus seinem Verlagskonzern die fast bankrotte Ufa. Seit 1928 ist der Pressezar Vorsitzender der DNVP – der Deutschnationalen Volkspartei – und versucht, gemeinsam mit Hitler eine nationale Opposition gegen die verhasste Demokratie von Weimar zu bilden. Kein begnadeter Redner, eher ein Strippenzieher im Hintergrund; doch sieht er sich als zukünftiger Führer eines Präsidialkabinetts, wie Goebbels am 9. Oktober 1931 in seinem Tagebuch notiert und der warnt Hitler: „Hugenberg sucht uns die Führung zu nehmen.“ Das hat nicht funktioniert, Hitler wird am 30. Januar 1933 vom zweiten Reichspräsidenten der Weimarer Republik, Paul von Hindenburg, als Reichskanzler vereidigt. Alfred Hugenberg bekommt ein Doppelressort: Das Wirtschafts- und Landwirtschaftsministerium. Allerdings nur für ein halbes Jahr, dann wird er von Goebbels zum Rücktritt gedrängt und sein Konzern wird von der NSDAP übernommen.

Die Geschichte seines Zeitungs- und Medienimperiums, in dem die Ufa zu Europas größtem Filmkonzern expandiert, beginnt auf dem Gelände des heutigen Springer-Unternehmens: 1883 gründete August Scherl in der Zimmerstraße 40/41 den Scherl-Verlag und mit ihm den Berliner Lokalanzeiger, die Illustrierte „Die Woche“, „Sport im Bild“, „Der Tag“, „Die Gartenlaube“ und andere. Obwohl der Erfinder der sogenannten „General-Anzeiger-Presse“ enorme Auflagen erzielte, musste Scherl 1914 verkaufen, zwei Jahre später erwarb der ehemalige Krupp-Finanzchef Alfred Hugenberg das überregionale Medienhaus.

Mit Carl Peters – dem ein großes ostafrikanisches Kolonialreich vorschwebte – hatte Hugenberg schon in den 1890er Jahren den „Alldeutschen Verband“ gegründet, der ein eindeutig rassistisches, nationalistisches, expansionistisches und antisemitisches Programm verfolgte. Nach seiner Zeit bei Krupp in Essen schuf Hugenberg aus dem Scherl-Verlag und der zweitgrößten deutschen Nachrichtenagentur, der Telegraphen-Union, nach und nach ein Medienkonglomerat aus Verlagen, Nachrichtendiensten, Werbeagenturen, Korrespondenzdiensten, Filmgesellschaften und zahlreichen Zeitungsbeteiligungen, wodurch er schließlich – als Reichstagsabgeordneter  der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) – die Hälfte der deutschen Presselandschaft kontrollierte und dabei vor allem die Provinzpresse „vor dem Einfluss der demokratischen Verlage“ in der Zeit der Inflation „rettete“ (Zitat aus Film v. Klaus Wernecke).

Herausragend unter seinen 500 Festangestellten und 90 Redakteuren waren etwa Major a.d. Adolf Stein, der Rufmord lieferte und gegen die „Meinungsdiktatur der volksfeindlichen Demokraten“ schrieb, oder Hans-Georg von Studnitz, der in der Neuen Preußischen Kreuzzeitung gelernt hatte und nun in Hugenbergs „Der Tag“ fleißig die öffentliche Meinung beeinflusste sowie Lobeshymnen auf die Deutschnationalen und ihren „Führer“ Hugenberg anstimmte. Während des Zweiten Weltkrieges diente von Studnitz dann unter SS-Obersturmbannführer Paul Carl Schmidt als Referent in der Presseabteilung des Auswärtigen Amtes, und auch nach der „Zeitenwende“ ging seine Karriere fast nahtlos weiter: 1948 veröffentlichte er seinen ersten Artikel in der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“.

Doch nicht nur den Auslandskorrespondenten Hans Georg von Studnitz und Wirtschaftsredakteur Christian Diederich Hahn lässt Peter Heller in seinem Film zu Wort kommen: die Geschichte des Konzerns von innen erzählen im Interview auch Chefredakteur Fritz Lucke, Drucker Karl Richter und der Setzer Erich Marten. Gerade ihre Perspektiven tragen zu einem kritischen Bild der Strukturen um den national-konservativen Konzernchef und seinen Umgang mit der Belegschaft bei.

4000 Zeitungen und Zeitschriften gab es in Deutschland vor 100 Jahren, als Alfred Hugenberg noch Finanzchef beim Krupp-Konzern war. Heute besteht wieder eine ähnliche Meinungsvielfalt durch die Publikationen in der digitalen Medienwelt. Und ganz ohne Matern und Druckplatten, ganz ohne Druckerschwärze wird auch heute wieder versucht, die öffentliche Meinung anhand von demokratiefeindlicher Propaganda zu manipulieren. Peter Hellers Film von 1982 ist ein Zeitdokument, das eine neue Perspektive auf die Macht der Medien und der Kontinuität von konservativer und rechtsnationaler Weltanschauung über die „Stunde Null“ hinaus erlaubt.

Fotos: Filmstills mit freundlicher Genehmigung von Peter Heller aus „Der vergessene Führer“ (D, 1982)