München – Stadtansichten mit Herbert Achternbusch aus dem Jahr 2005

Ein München-Portrait sollte es werden, aus der Sicht des Künstlers. Als freie Journalistin schrieb ich für das Online-Portal des Goethe-Instituts nach einem Interview mit Herbert Achternbusch im Sommer 2005:

München – Stadt der Superlative

Eine Wirtschaftsstudie hat München ausgezeichnet als beliebteste Stadt Deutschlands: Die südlichste Stadt des Landes hat das höchste Pro-Kopf-Einkommen, die niedrigste Arbeitslosenquote, den höchsten Freizeitwert und das größte Volksfest der Welt. Weltbekannte Orchester, renommierte Bühnen, eine lebendige Musikszene und eine mit hochkarätigen Sammlungen bestechende Museumslandschaft zeugen von einem vielfältigen Kulturangebot. Mit dem Deutschen Museum steht Europas größtes Technikmuseum in München. Tradition neben Moderne, das ist das Markenzeichen der Isar-Metropole. Doch München ist auch eine der teuersten Städte Deutschlands.

„Weltstadt des Bieres“

„In München steht ein Hofbräuhaus“, so beginnt Münchens bekanntestes Trinklied. In das 416 Jahre alte Gebäude strömen täglich tausende Besucher aus aller Welt, um ein, zwei oder mehr Liter der rund 6 Millionen Hektoliter Bier zu trinken, die jährlich hier gebraut werden. Das Bier spielt immer noch die Hauptrolle in der „Weltstadt mit Herz“.

Herbert Achternbusch sitzt im Weißen Bräuhaus im Tal, zwischen Isartor und Marienplatz. „Der Münchner an sich ist ungebildet“, sagt der 67jährige Maler, Schriftsteller und Filmemacher. Doch der „halbgebildete“ Münchner, aus dem Umland oder Norden des Landes zugereist und hier lebend, schätzt das breite kulturelle Angebot der Stadt, ihre zahllosen Barockkirchen und die umliegenden Alpenseen „Wie ein Kinderbuch“ malt sich die Landschaft rund um die nördlichste Stadt Italiens, in der Volksfeste und Märkte den Jahresrhythmus ebenso bestimmen wie die Opernfestspiele und das Münchner Filmfest.

Zentrum der Filmindustrie, Buch- und Medienhauptstadt

Das zweitgrößte deutsche Filmfestival findet heuer vom 25. Juni bis zum 2. Juli in München statt. In diesem Jahr setzt es zum ersten Mal einen Länderschwerpunkt mit dem Filmland Japan. Mit 76 Kinos hat der Filmliebhaber Achternbusch in der Heimatstadt von Rainer Werner Fassbinder und Werner Herzog eine große Auswahl: „Ich gehe jeden Tag ins Kino. Am liebsten ins Theatiner. Das hat eine gute Auswahl – und schlechte Sitze. Das ist gut für die Haltung.“

München ist mit 234 Buchverlagen Verlagshauptstadt Deutschlands. Die Verlage veranstalten gemeinsam mit Autoren und Journalisten die jährlich stattfindende Frühjahrsbuchwoche und die Bücherschau im Herbst. Das Literaturhaus und zahlreiche Münchner Buchhandlungen bieten zudem jährlich etwa 200 Lesungen und Lyrikabende an. Die Stadt ist stolz auf ihre literarische Tradition: im Cafe Dukatz findet man Zitate von Oskar Maria Graf am Boden der Tasse, wenn der Kaffee zur Neige geht. Rainer Maria Rilke, Joachim Ringelnatz, Lion Feuchtwanger und Thomas Mann lebten und schrieben im Millionendorf. Nachwuchssorgen hat man hier nicht. Drei Münchner Autoren reisen in diesem Jahr zum renommiertesten deutschsprachigen Literaturwettbewerb, dem Bachmann Wettbewerb in Klagenfurt, den im letzten Jahr mit Uwe Tellkamp ein Münchner gewann. Und die Stadt verehrt ihre Prominenz: An Achternbuschs 60. Geburtstag war seine Geburtsstadt mit Zitaten seiner zahllosen Bücher geflaggt.

Historische Verantwortung

Doch sein neuestes Stück mit dem Titel „Der Weltmeister – Ein Theaterstück zu Adolf Hitler“ will man hier nicht aufführen. Es sei „arm an Identifikationsmöglichkeiten“ heißt es in der Begründung eines Intendanten. Deutschlands größte Universitätsstadt ist sich ihrer historischen Verantwortung dennoch bewusst. Durch persönliche Weisung Hitlers wurde sie 1935 zur „Hauptstadt der Bewegung“ erklärt. Hier begann seine politische Laufbahn, hier hielt Hitler seine erste öffentliche Rede und hier war auch der Sitz der 1925 gegründeten NSDAP. Den Königsplatz hat er ab 1935 mit 22000 Granitplatten zum Exerzierplatz umgestaltet. Heute ist der Platz zwischen Antikensammlung und Glyptothek wieder mit grünem Rasen bedeckt; die Verantwortung Münchens als Ort der Erinnerung bleibt aber bestehen.

Das zukünftige Jüdische Museum mit seiner Synagoge, das gerade auf dem Jakobsplatz neben dem Stadtmuseum entsteht, soll ein Ort sein, der nicht nur an Geschichte, Kultur und Religion der Münchner Juden erinnert, sondern auch unmissverständlich zum Ausdruck bringt, dass jüdisches Leben in dieser Stadt eine Zukunft hat.

Kunst und Bau in Tradition und Moderne

Herbert Achternbusch hält nichts vom Museumsneubau und vergleicht es mit den Beton-Stelen des Mahnmals in Berlin. „Das ist doch keine Geste gegenüber der Vernichtung von so vielen Menschen. Das sieht aus wie ‚Angriff erwartet!´“ In den Münchner Neubauten spiegelt sich die Dissonanz zwischen Traditionsbewusstsein und Modernitätswillen. Neben dem neoklassizistischen Gebäude der Kunstakademie aus dem 19. Jahrhundert (Achternbusch: ein „disproportionierter Kübel“) wächst ein beachtlicher Bau aus Beton, Stahl und Glas in den Himmel. Doch bis dahin reicht weder dieser noch andere Neubauten der Stadt: nach dem Münchner Hochhausstreit 2004 entschied sich das Millionendorf für eine Begrenzung von Hochhäusern bis 99 Meter Höhe, um die beiden Türme der Frauenkirche, Münchens Wahrzeichen, nicht zu überbieten. Beim Fußball („Das ist der Größenwahn des kleinen Mannes“) ist man der Moderne näher: zusätzlich zum weltberühmten Olympiastadion mit seinen fast 70.000 Plätzen erleuchtet seit kurzem eine aus transluzenten Kissen gefertigte Arena für 66.000 Zuschauer den Norden der Stadt. Auf die Weltmeisterschaft hat sich München gründlich vorbereitet.

Theater, Musik und Musiktheater

Seit einem Intendantenwechsel an den großen Theatern der Stadt weht ein frischer Wind durch die Szene, der bis nach Berlin reicht. Die Münchner Kammerspiele gehören zu den renommiertesten Schauspielhäusern Deutschlands und teilen sich in der Stadt das Publikum mit weiteren 57 kleineren und größeren Bühnen. Zum diesjährigen Berliner Theatertreffen waren die Münchner gleich dreifach geladen: zwei Inszenierungen der Kammerspiele und eine Inszenierung der Schauburg, Münchens anspruchsvollem Kinder- und Jugendtheater, wurden gezeigt.

Isar-Athen, Stadt der Kunst, beherbergt in 45 Museen und Sammlungen einen Bestand europäischer Kunst aller Epochen, der zu den bedeutendsten der Welt zählt.

Zugleich ist München Musikstadt. Seit der Renaissance genießen Musiker in der Heimatstadt Orlando di Lassos besondere Wertschätzung. Richard Wagner, Richard Strauss, Carl Orff und viele andere prägten ihren Klang.

Das Nationaltheater gilt als eines der besten Opernhäuser der Welt; unter Sir Peter Jonas wurde es Zentrum der Barockoper und zelebriert auf musikalischem Gebiet eine gelingende Symbiose zwischen Tradition und Moderne. Die großen Klangkörper Münchens, traditionell eher der Sinfonik aus Spätromantik und Frühmoderne verpflichtet, gewöhnen das Publikum immer mehr an modernes Repertoire – mit großem Erfolg.

Das Münchner Gefühl

In der High-Tech-Metropole legt man Wert auf Status, Stil und Sportcoupes, natürlich von BMW. Auch dies kein Grund für Herbert Achternbusch, seine Stadt zu lieben. „Ein bisschen weniger München wäre gut.“ Der „Spezialist für Heimat“ liebt nur einen Ort: das Oktoberfest, wo sein bester Film entstand. „Immer, wenn ich aufs Oktoberfest gehe, dann umarmt es mich! Jeder will vom Oktoberfest umarmt werden. Wunderbar!“ Hier kann man die Schattenseiten der zweitteuersten Stadt Deutschlands erleben. Bier im Übermaß, und manch einer überschätzt das eigene Fassungsvermögen. Wie man sich in dieser Stadt sechs Kinder leisten kann? „Ich habe halt immer wenig gegessen und viel getrunken.“ Sein Humor hat ihn gerettet. Denn „wenn einer verzweifelt ist, bleibt ihm nur, komisch zu werden.“ Karl Valentin lässt grüßen.

Das Interview mit Herbert Achternbusch führte ich im Juni 2005 anlässlich des Filmfests und seiner Sonderreihe „Herbert Achternbusch“ im Münchner Filmmuseum, es erschien auf den Internet-Seiten des Goethe-Instituts. Zielgruppe waren Deutschlerner und München-Unkundige aus aller Welt.

Titelfoto mit freundlicher Genehmigung von Barbara Gass.

 

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