Wie es sich anfühlt. Frauen, Künstlerinnen.

Kürzlich erreichte mich die Einladung zu einer Lesung: aus „Vergnüglichem“ und „Unveröffentlichtem“ wollte der berühmte, in München ansässige Schriftsteller lesen, durch den Abend begleitete ihn ein geschätzter Kollege, der gewiss launig und wie immer exzellent vorbereitet diesen Abend moderieren würde.

Als Wort-Gestalterin eines wundersam eindringlichen und amüsanten Werkes des verstorbenen Bruders konnte ich den Schriftsteller vor vielen Jahren bei mir im Publikum begrüßen und freute mich damals über seine Aufmerksamkeit. Heute aber hat sich meine Haltung zu ihm verändert und ich war daher nicht gewillt, ihm meine Aufmerksamkeit zu schenken anlässlich seiner Lesung. Und sagte ab.

Nicht um den Schriftsteller und sein Werk ging es mir, sondern um den Menschen in seiner Rolle als Spitzenvertreter der Münchner Kulturelite. Vor drei Jahren zeigte er  sich – zeitgleich mit anderen Silberrücken der Hochkultur – in der ungewohnten Rolle eines Leserbriefschreibers in der Süddeutschen Zeitung. Er kommentierte die Anklage einer Musik-Professorin, die dem damaligen Präsidenten der Musikhochschule sexuelle Übergriffe vorwarf. Der Leserbrief sollte seinem Freund wohl den Rücken stärken. Doch er verstieg sich darin zu folgender Aussage: „Damen, deren Avancen zurückgewiesen werden, gleichen tückischen Tellerminen. Ihre Rachsucht sollte man nie unterschätzen. Sie wissen sich der überforderten Justiz virtuos zu bedienen.“

Mit diesen Sätzen erklärte der Schriftsteller nicht nur die Justiz für unfähig, die den Musiker auf Bewährung verurteilt hatte, sondern formulierte öffentlich eine Schuldzuweisung, die die Professorin und damit auch all ihre Geschlechtsgenossinnen – mich eingeschlossen – in seinem altväterlichen, chauvinistischen und herablassenden Diskurs zu diskreditieren versuchte.

Dass dem Angeklagten der „Verlust der Pensionsansprüche“ drohen würde, wie ein weiterer Unterstützer im eigenen Leserbrief anmerkte, war sicher keine schöne Aussicht – besonders für jemanden im institutionsfesten Sattel -, doch konnte ich aus keinem der Kommentare herauslesen, dass einem von ihnen der durch einen sexuellen Übergriff erlittene Verlust der Würde als Professoren-Kollegin auch nur ein einziger Gedanke Wert war.Da keiner von uns Zeuge war, ob und wie sexuelle Übergriffe stattgefunden haben, können wir uns darüber auch kein Urteil erlauben. Das sollten wir der Justiz überlassen. Aber ein Mensch der Sprache, des Wortes, der schönen Künste, der – wenngleich er im zweiten Namen schon die eigene Überhöhung trägt – als weithin bekannter und geschätzter Intellektueller eine Stimme hat, die gehört und gelesen wird, begeht mit der Vorverurteilung der Gegenseite mittels abschätziger Äußerungen dieser Art und der Bezichtigung der Lüge einen kulturellen Bruch, den ich ihm bis heute nicht verziehen habe.

Zwischen meinem sechsten und meinem 20. Lebensjahr war ich selbst Musikerin. Als junge Geigerin saß ich im Orchester, und ich erinnere mich genau an Situationen, in denen ich bereits als Kind und Jugendliche dem Druck mächtiger Lehrer oder Dirigenten ausgesetzt war, auf deren Wohlwollen ich zugleich dringend angewiesen war. Dieser Druck war enorm, schließlich wollte ich Profimusikerin werden. Nur zu gut erinnere ich den Ekel, der mich in Situationen befiel, die der angeklagte Musikhochschulprofessor mit „einem libertären Umgang“ umschrieb, der doch bitte nicht missverstanden werden sollte.

Frauen und Männer, die Übergriffe erlebt haben und damit an die Öffentlichkeit gehen, missverstehen nicht. Sie trauen sich, trotz der zu erwartenden Häme. Sie sind mutig. Und sie zwingen die Öffentlichkeit, Haltung zu zeigen und sich zu fragen: „Wie erlebe ICH das? Kann ich von nun an Person und Werk noch trennen?“

Ich kann es nicht. Selbst der größte Dichter eines Landes ist immer auch ein Mensch mit einer Haltung, die lauter tönt als sein Werk. Die Haltung des Schriftstellers gegenüber uns Frauen und Künstlerinnen, gleich welcher Sparte, hat mich empört und persönlich getroffen. Er hat sie nur in Worte gekleidet, dem Künstler des Wortes ist – im Gegensatz zu seinem inzwischen als Sexualstraftäter verurteilten Freund – ansonsten keinerlei Vorwurf zu machen. Doch mit ebendieser Haltung, die in dem Diktum gipfelte „Man muss in Fällen, bei denen Aussage gegen Aussage steht, die Glaubwürdigkeit der Anklägerin prüfen“ – nicht des Angeklagten! -, fühlte ich mich geohrfeigt und seine Bücher in meinem Regal verloren ihren angestammten Platz.

Am Weltfrauentag 2019 danke ich allen, die sich getraut haben und weiterhin trauen werden, von demütigendem Verhalten und erotisch verbrämten Grenzüberschreitungen zu erzählen. Und ich wünschte mir, wir würden noch öfter lauten Widerspruch hören und in aller Öffentlichkeit eine humane, solidarische Haltung sehen – von Frauen, Männern, uns Menschen.

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