München stolpert

Am 9. Juni 2015 wurden auf dem Königsplatz in München die 80.000 Unterschriften von Menschen ausgerollt, die sich für die Verlegung von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund auch in München aussprechen.

Hier ein Auszug aus meiner Vorrede und Zitate von Unterzeichnern:

Ich heiße Julia Cortis, ich lebe seit meinem dritten Lebensjahr in München. Und ich stehe hier, weil mir vor einem Jahr klar wurde, was für eine Kraft ein Stolperstein hat. Mit meinem damals 11jährigen Sohn war ich in Deutschland unterwegs. Und wir stolperten. Wir stolperten in Berlin, in Hamburg, in Hannover, in Lüneburg. Und ich konnte meinem Sohn endlich erzählen, was in Deutschland passiert ist, lange vor seiner Geburt, auch lange vor meiner. Denn er wollte es plötzlich wissen. Er fragte nach: und ich erfand Geschichten rund um die Namen, die uns auf unseren Wegen begegneten und erzählte davon, was zwischen 1933 und 1945 geschehen ist in allen Orten Deutschlands, und nicht nur dort.

In Österreich, Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Kroatien, Luxemburg, den Niederlanden, Norwegen, Polen, Rumänien, Russland, in der Schweiz, der Slowakei, in Slowenien, Tschechien, der Ukraine und in Ungarn finden sich Stolpersteine. Es werden jeden Monat mehr.

Über 80.000 Menschen haben eine Petition unterzeichnet, die sich für die Verlegung von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund auch in München ausspricht. Die Unterzeichner haben nicht nur ein Häkchen auf einer Website gemacht, sondern auch ihre persönliche Meinung dazu geschrieben. Viele tausend Menschen haben das getan. Warum unterschreiben sie?

 

Hier nur eine kleine Auswahl der Begründungen aus den Stimmen der 80.000 Unterzeichner:

Ich registriere die Steine in meinem Alltag, denke an die Menschen, die hier gewohnt haben und welches Schicksal sie erdulden mussten aufgrund von Ideologie und Gewaltausübung. Die Steine würdigen diese Menschen und erinnern uns immer wieder daran, Toleranz und Mitgefühl zu leben.

Ich unterzeichne, weil die Stolpersteine vor meinem eigenen Haus jeden Tag Mahnung und Erinnerung sind, sie werden manchmal von Passanten mit Blumen oder Steinen dekoriert, von Hausbewohnern sorgsam gepflegt und niemand käme auf die Idee, ein „Drüberlaufen“ gleich als Schändung anzusehen. Meines Erachtens sind die Steine die schönste Art der Erinnerung, die sich in ein Stadtbild einfügen lässt. Schade, dass München sich darauf nicht einlassen darf.

Stolpersteine erinnern an Menschen, die keinen Grabstein haben…

Gerade jetzt, wo auch die letzten Überlebenden von uns gehen, sind diese Zeichen des Gedenkens und Stellen des Innehaltens besonders wichtig.

Die Stolpersteine zeigen besser als jedes Mahnmal, wie sehr die Opfer in der Mitte unserer Gesellschaft gelebt haben und dass wir ihre Geschichte nicht vergessen dürfen.

Mit Schülern erlebe ich oft, dass Stolpersteine (bei uns in Stuttgart) Geschichte sehr viel erlebbarer machen.

Diese Steine halten auf unaufdringliche Weise das Gedenken aufrecht. Meine 14-jährige Tochter hat immer wieder nach der Bedeutung dieser Steine gefragt, wenn ich mit ihr durch Berlin gegangen bin. So sollte es auch in München sein.

Weil ich mich als Deutscher schäme, dass die Stadt, in der die grausamste politische Bewegung der Menschheit ihren Anfang nahm, es verbietet durch Stolpersteine an die Opfer zu erinnern!

weil Stolpersteine im Alltag mich trotzdem immer wieder lesen lassen, wer hier einmal seinen Alltag verbracht hat,…wie ich.

Die selbst mehrfach gemachte Erfahrung, über einen solchen Stein zu „stolpern“ ist so tiefgreifend, dass keine Stadt solche Stolpersteine verbieten sollte!

Ich unterschreibe… weil die Erinnerung an diese Menschen das Einzige ist, was wir ihnen noch geben können. Sie konnten/wollten oft nicht rechtzeitig vor dem Nazi-Terror flüchten, weil sie sich mit Deutschland als ihrer Heimat identifizierten, in dem Glauben, dass das, was unsere (Ur-/Gross-) Elterngeneration ihnen dann antat, in „ihrem“ Deutschland nicht möglich wäre! Ich trage dafür keine Schuld, aber Verantwortung!

 

Das ist nur eine kleine Auswahl aus Hunderten von Testimonials der Stolperstein-Befürworter. Ich selbst bin der Meinung:

Lieber Herr Reiter, München ist so eine so schöne, so wunderschöne Stadt. Gerade jetzt, im Sommer. Aber mir fehlt bei all der Schönheit und dem Glanz – für den München auch gerne mal als oberflächlich bezeichnet wird – mir fehlt gerade hier das, was mich daran erinnert, dass diese Stadt eine Geschichte hat. Über die man ins Gespräch kommt, nicht nur mit den eigenen Kindern, auch mit wildfremden Menschen. Das ist eine wunderbare Erfahrung.

Seit Dezember drängen wir uns an Montagen gemeinsam auf den Straßen Münchens und demonstrieren für Toleranz und Respekt (und gegen Rassismus und Pegida) und gleichzeitig werden Stolpersteine abgelehnt. Ich finde, das passt nicht zusammen.

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