Platzpatronen im Magazin

Es ist vorbei. Das Geschwurbel hört auf. Am dritten Freitag im August gibt es Grund zu feiern, denn 20 lange Wochen gehen zu Ende.

20 lange Wochen. Lang? Im Leben eines Menschen? Das kommt darauf an. Sehen wir uns das Kleinkind an mit etwa einem Jahr, dann sind 20 Wochen beinahe die Hälfte seines bisherigen Lebens. Und in dieser Hälfte passiert viel: jeden Tag lernt dieses schutzbedürftige Wesen etwas Neues, fast jeden Tag staunen Eltern und Geschwister über den veränderten Blick, eine neue Haltung und Bewegung oder differenziertere Töne, Laute, Silben.

Ein Mensch, der bereits aus der aktiven Phase des Erwerbslebens ausgeschieden, ja vielleicht mehrfacher Großvater oder sogar schon Urgroßvater sein mag, für den sind 20 Wochen wie so viele Phasen seines langen Lebens bisher: recht schnell vorbei. Vor allem in der Rückschau: „Mein Gott wie schnell vergeht die Zeit“, „bist du aber groß geworden“ oder „Was, du promovierst? Ich erinnere mich an deine Einschulung, als wäre es gestern gewesen“ – solche Sätze fallen gerne aus seinem Mund bei jeder größeren Familienfeier – da sind 20 Wochen wie 20 Jahre.

Betrachten wir hingegen 20 Wochen im Leben einer jungen Frau, die sich vielleicht gerade für eine berufliche Richtung entschieden hat. Vielleicht noch unsicher ist. Oder auf dem Weg ins Ausland, in der Hoffnung auf eine höhere Qualität in der Lehre oder die besten Ausbilder in ihrem Fach: 20 Wochen sind etwa ein Semester. Da entscheidet sich einiges. Aber längst nicht alles.

Doch dann kommt der Tag der Katastrophe. Der Moment, in dem diese Frau (oder auch eine andere) machtlos ausgeliefert ist, der Moment des Bruchs in ihrem Leben. Jemand, den sie gut zu kennen glaubt, dem sie vertraut, überschreitet ihre Grenze und wird Gewalt-tätig. In diesem Wort steckt der Moment, um den sich alles dreht: zunächst noch körperlich unversehrt wird durch massive Grenzüberschreitung und physische Gewalt der Körper sichtbar verletzt, äußerlich oder – bei sexueller Gewalt – im Genitalbereich. Alles noch körperliche Verletzungen. Im Inneren bricht in diesem entscheidenden Moment die Welt der Frau zusammen, sie erlebt erst den langen, grauenhaften Moment des physisch erlittenen Schmerzes: die Tat, den Übergriff. Unvorstellbar. Nach anfänglicher Taubheit schaltet sich langsam die Psyche ein. Von diesem Moment an durchläuft ihre Seele die Phasen der Wut, der Schuld, der Scham. Gleichzeitig zieht sie sich zurück, will sich keinem anvertrauen. Sie bagatellisiert vor sich und anderen das Geschehene, um das traumatisch Erlebte überhaupt auszuhalten. Und wird sogar krank davon, somatisiert. Es wird Jahre dauern, bis sie sich eingesteht, was passiert ist und sie daran keine Schuld hat. Kein Wunder, dass sie – wie so viele andere auch – im ersten Moment keine Anzeige gegen den Täter erstattet.

Tage, Wochen, Monate, Jahre können vergehen. 20 Wochen sind dagegen ein Fliegenschiss auf der Zeitleiste. Nach 6, 7 oder 8 Jahren ermuntert sie eine Vertraute: „Du kannst ihn immer noch anzeigen.“ Denn die Tat, der Übergriff, verjährt erst nach 10 Jahren. Eines Tages springt sie über ihren Schatten – und über zahllose Monate des Selbstzweifels – und zeigt ihn an. So kann es bei der ein oder anderen Frau gewesen sein. Nehmen wir ab hier einen prominenten Fall, der sich in etwa so zugetragen hat: Mit der Anzeige erringt die Frau einen ersten Erfolg. Doch damit ist es noch nicht vorbei. Sie ist erneut ausgeliefert, diesmal den öffentlichen Kommentaren der Freunde des Täters.

„Das Urteil … ist eine Blamage für die Justiz, eine Katastrophe für den Verurteilten. Dass eine Kollegin … nach sechs Jahren die Zeit für gekommen hält, Anzeige zu erstatten, lässt auf einen Racheakt schließen oder auf ein Komplott.“ So kommentiert, einseitig Position beziehend, ein angesehener Freund des Angeklagten die erste Verurteilung in einem Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung. Dieser Freund ist ein Mensch des Wortes, der „Schönen Künste“, selbst Wortgestalter und Kenner zahlloser Geschichten der jahrhundertealten Schatztruhe internationaler Literatur, deren DNA das Menschliche und Menschelnde ist. Auch Empathie lehrt uns die Lektüre von Ovid bis Italo Svevo.

Doch damit ist es bei ihm nicht weit her. Im Gegenteil: er hält öffentlich fest am guten Freund und sorgt noch dafür, dass der „Beistand für strafrechtlich bedrängte Mitglieder“  ins Protokoll der Musikabteilung seiner Institution mit aufgenommen wird. Auch eine spätere Distanzierung lässt sich nirgendwo finden. Nein, er dichtet sogar noch für den Freund. „Wahrheit und Güte sind nur in der Schönheit verschwistert“ sinniert der die Justiz scheltende, und er kann nicht von den Schafen lassen, aus deren Wolle die Roben der Richter gewebt sind.

Kleiner Zeitsprung: Im Holzhaus, einer Idylle am See, entledigt sich der kultivierte Literat und gute Freund des inzwischen rechtskräftig verurteilten Sexualstraftäters seines Gedankenkonglomerats in das jeden Freitag erscheinende SZ-Magazin. 20 Wochen lang nährt jede Zeile dieser „Lyrik“ genannten Nabelschau den Widerwillen, das Heft überhaupt noch zu öffnen. Die Hoffnung auf ein Ende der Ohrfeige, die bei jedem Aufschlagen ins Gesicht all der Frauen schallt, die selbst Opfer oder Angehörige von Opfern sind, und die als Stammleserinnen des Magazins an die verächtliche Haltung gegenüber ihren Geschlechtsgenossinnen mittels des Schriftstellers wöchentlicher „Dichtung“ erinnert werden. Ob es sich dabei um gute oder schlechte Lyrik handelt, sei dahingestellt. Dass jemandem zwanzig (!) Wochen lang öffentlicher Zeilenplatz eingeräumt wird, der mit seiner irrevisiblen Haltung maximalen Mangel an Einfühlungsvermögen bewiesen hat anstatt Minimal-Respekt vor der Würde der Frau, darum geht es mir. Er sollte als Person des öffentlichen Lebens wenigstens öffentlich die Justiz achten. Als Ermutigung für andere Betroffene, die auch in Zukunft auf Beistand hoffen wollen.

Nach 20 Wochen kann ich am kommenden Freitag nun endlich wieder das SZ-Magazin aufschlagen und muss mich nicht mehr ärgern. Danke, Redaktion.

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