Die große Freiheit – Eine kleine Utopie.

An diesem Sonntag im Oktober war das Wetter wieder wunderbar. Sommerliche Temperaturen trieben die Menschen in die Parks, an die See und in die Berge. Obwohl jeder in Deutschland wusste, dass das Wetter nicht aus heiterem Himmel so dauerschön war in diesen Wochen und Monaten, dachten sich alle: „Wir müssen das ausnützen. Ein so herrlicher Sonntag – nichts wie raus aus der Stadt!“ – Alle dachten das. Alle?
Nein, nicht alle. In einem kleinen Teil des Landes, der sich „freier Staat im Staate“ nannte, entschlossen sich Tausende ganz gegen ihre Gewohnheit, das Freie in ihrem Staat einzufordern. An diesem Sonntag konnte man von der Donau bis zu den Alpen blicken, keine Staus auf den Autobahnen. Auch in Richtung der Erholungsgebiete und der Seen blieb der Weg für ein paar Stunden frei. Überall herrliche Sicht und der schönste blaue Himmel. Und um das Gefühl der grenzenlosen Freiheit noch perfekt zu machen, liefen die Menschen in den Städten und Dörfern scharenweise schon am Morgen in die überall bereitgestellten Wahllokale. Gemeinsam wählten sie eine neue Regierung, die nicht nur ihrer äußeren, sondern auch der inneren Freiheit Tür und Tor öffnete: sie entschieden sich für Vertreter der Bevölkerung, die sich auf traditionsreiche Schriften beriefen. Schriften und Verabredungen, die sich andere für sie schon vor langer Zeit ausgedacht hatten. Damit Frieden herrsche und jeder Mensch mit dem gleichen Respekt behandelt werde. Das war den Bürgern des Staates wichtig, schließlich fühlten sie sich alle gleich, auch wenn nicht alle im Staat geboren waren und im Staat sterben würden.

Jetzt war ihr Leben hier, und jetzt kümmerten sie sich gemeinsam um ihren kleinen Staat. Sie kreuzten alle einen Menschen und eine Gruppe auf ihrem Zettel an, der und die sich auch weiter für die schöne freie Sicht außerhalb der Städte, für große Bienenwiesen – aber auch für die Freiheit der Rede und für die Unterstützung von Menschen einsetzen würden, die sich das Auto für den Ausflug gar nicht leisten können. Erst danach fuhren sie an die Seen oder mit dem Fahrrad an den Fluss und unterhielten sich miteinander. Man tauschte sich aus, interessierte sich für die Ansichten und Gewohnheiten der anderen. Schließlich hatten sie alle dasselbe Ziel: ein sinnvolles Leben in guter Gesellschaft zu führen. An diesem Tag wurde sogar gemeinsam gegessen und getrunken. Und vom Müll – von Flaschen und Parolen – befreiten sich die Bewohner des kleinen freien Staates und warfen ihn am Ende des Tages in die Tonne.

Kommentare 3

  1. K.H. v. Borntin 13. Oktober 2018

    Eine wunderschöne Aussicht – aus tiefer Seele wünscht man, dass sie nicht Fantasie blieb – keine Utopie in diesem kleinen Teil des Landes, der sich „freier Staat im Staate“ nannte – dass sie Realität wurde – endlich, endlich, endlich. Danke, Julia…! K.H.v.B.

  2. schneck 13. Oktober 2018

    Das ist sehr schön! Ein Gemisch aus Vergangenheit und stetem Glauben an eine bessere Zukunft. Man muss daran festhalten in diesen Zeiten, jetzt erst recht.

  3. Ralph Deja 14. Oktober 2018

    Sehr schöne Gedanken verpackt in wunderbare Sprache, prophetisch und hoffentlich nicht utopisch!

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