Deutscher Sommer

Ein Artikel, den ich im vergangenen August für das SZ Magazin geschrieben habe. Der Sommer 2016 wird zeigen, was sich verändert hat seither.

Neulich am See bei 35 Grad im Schatten. Vor dem Wirtshaus am Steg parken wie immer die Schwergewichte aus München: ein dicker BMW, ein Mercedes und vor allem die dick bereiften Geländewagen. Eis ist heute ganz dringend angesagt, und das gibt es ein paar Meter vor dem Wirtshaus, beim kleinen Ladenkiosk. Davor stehen drei Tische, ein Pärchen um die vierzig sitzt, trinkt Kaffee und beobachtet die Passanten.

Ich bin mit meinem Sohn und zwei afrikanischen Flüchtlingsjungs unterwegs, die ich in meiner Freizeit betreue. Wieder vorbei an den beiden, nach ein paar Metern, schon fast außer Hörweite, zischt es: »Das sind die, die uns bald alles wegnehmen.« Aha. Interessant. Was die wohl meinen? Ich dreh mich um, gehe zurück und sage: »Hörense mal, die Jungs nehmen Ihnen nichts weg, die wollen einfach Eis essen, schwimmen, einen guten Sommertag haben. Ferien, wissen Sie? Kein Deutschkurs, weil sie die Prüfung schon bestanden haben und die Schule zu hat. Aber schön, dass Sie sich für die beiden interessieren. Die kommen aus Gambia – ach, Sie wissen gar nicht, wo das ist? Die waren viele Monate unterwegs, sind durch sechs Länder gelaufen, gefahren und am Ende beinahe ertrunken. Sie kommen aus einem Land, das von einem Diktator regiert wird, wo sie als Jugendlicher jederzeit in den Knast kommen können, wo sie keine Ausbildung machen und keinen Beruf erlernen können. Da gibt es keine Kinderrechtskonvention und keinen Aldi, da gibt es nur Armut. Hätten Sie den Mut gehabt, für diese lange und beschwerliche Reise in ein neues Leben? Oder in den Tod? Nein, ach so.« Das habe ich gesagt. Aber nur in Gedanken. Leider.

 

 

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