Auer Dult

Januar 1984. Die gelbe Reihenhaushälfte in Trudering liegt noch im Dunkeln. Die Mutter im blauen Bademantel schmiert Stullen um 5 Uhr morgens, der 10jährigen Tochter ist schlecht, das eklige Orangengelee verursacht Morgenübelkeit zu einer Zeit, wo noch kein Mensch Hunger haben kann, und in der kalten Küche im Haus am Waldrand scheint die Zeit stehengeblieben. Es ist Skikurs-Zeit, organisiert vom Stadtjugendamt. Fünf Tage in den Weihnachtsferien und mit einer Horde fremder, lauter Kinder zum Sudelfeld. Deshalb also jetzt in den Skianzug und in all der Unfreundlichkeit raus zum Auto, damit in die Stadt gebraust, zum Skibus. Abfahrt ist um 6 Uhr vom Mariahilfplatz.

Zwei, drei Winter lang immer dasselbe Spiel, und so hat die Tochter den Münchner Mariahilfplatz im Dunkeln kennen gelernt. Eine schöne Erinnerung ist es nicht, weder die erzwungene Gruppenmitgliedschaft noch der Wintersport mit pädagogisch wechselnd begabten Skilehrern. Aber mit dem Mariahilfplatz hatte sie sich damals schon angefreundet. Denn im Frühling war es dort immer hell, sehr hell, und im Mai gab es etwas, worauf sie sich jedes Jahr wieder freute: Ponyreiten und Kettenkarussel fahren auf der Auer Dult.

Die Auer Maidult – genau wie die Jakobidult im Sommer und die Kirchweihdult im Oktober – war auch in diesem Jahr wieder fester Bestandteil ihrer Freizeitgestaltung. Der Freizeitgestaltung ihrer Mutter vielmehr. Das Mädchen war halt auch mit dabei. Das Prozedere war immer gleich: erst schaute sich die Mutter die Antiquitätenstände an. Und das heißt: jeden Stand. In jeder Reihe – oder Straße. Und das will was heißen, denn im Jahr 1984 gab es noch viel mehr reine Trödelhändlerstraßen als heute, da reihte sich eine Bude an die nächste, eine Reihe an die andere. Und es schien kein Ende zu nehmen.

Wie lange so ein „Anschauen“ von jedem Stand in jeder Straße dauert, kann sich der Kenner des Ortes also lebhaft vorstellen. Es muss ausgehalten werden. Denn danach, aber erst danach, darf die Tochter dann endlich zu dem interessanten und für ein junges Mädchen einzig reizvollen Teil auf dem Mariahilf-Skibusplatz gehen, zu den Fahrgeschäften. Aber bis es soweit ist, steht sie – immer in Sichtweite der Mutter, aber in gehöriger, unpeinlicher Entfernung – am jeweiligen Nachbarstand und blättert durch antike Fotoalben, Reisebücher, Notenstapel und Postkarten.

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Schuhkartonweise Postkarten stehen da. Mit grünen, gelben und blauen Briefmarken drauf. Die Poststempel verraten Tag und Jahr: 8. Aug 1953, 20. Juni 1948, 1970, 1957… Und sie sind des Sammlers Begehr – manch einer hofft tatsächlich noch auf die Blaue Mauritius. Der neutrale Betrachter erfreut sich höchstens an den historischen Ansichten bekannter Urlaubsziele und Geburtstagsgrüßen von fremden Menschen in altbackenen Formulierungen.

Die 10jährige hält eine Schwarz-weiß- Fotografie in der Hand. Ein Doppeldecker. Rot, sollte es sein, denn offenbar ist das London. Aber hier Schwarz-weiß. Daher also nicht rot. Mit Postkarten aus England kennt sie sich aus. Ihr Vater schickt immer welche von dort, wenn er beim Drehen ist oder Verwandte besucht. Mit der Königin als Briefmarke drauf. Die war einmal lila, dann rot oder grün, aber es war immer: die Queen.

Sie dreht die Karte um und liest, mit schwarzer Tinte akkurat geschrieben: „Dear Magda“. Ach, das ist ja lustig, da hat damals auch eine Frau Magda geheißen. Wie ihre Mutter. Ja sowas. Bevor sie auf die Adresse schaut, nimmt sie die nächste Postkarte in die Hand. Dort erst fällt ihr die Adresse in die Augen: Paul Jones. Das ist unmöglich. Das kann ja gar nicht sein. Da hat also jemand im Jahr – was steht da? – 1965 jemanden gekannt, der genauso hieß wie ihr Vater. Und der hat komischerweise auch auf englisch geschrieben. Wie ihr Vater. Das Mädchen wird unsicher, da stimmt doch was nicht. Die Bewusstseinsebenen verschwimmen, in ihr wabert es wie Watte. Aber die Neugier siegt.

Es dauert noch ein paar gefühlte Minuten. Wahrscheinlich sind es nur Sekunden. Wie im Traum greift ihre Hand zur nächsten Karte, zieht sie aus dem Schuhkarton und wieder steht da: Paul Jones. Und: Magda Huber. Und zur nächsten. Und zur nächsten. Und ganz langsam hebt sich ihr Kopf, die Augen suchen die Mutter, der Kiefer lockert sich und fällt auf, sie holt tief Luft und schreit: „MAMAAA!!!!“

Diesen Ton kennt die Mutter nicht. Irgendetwas muss in der Tochterstimme hörbar gewesen sein, was die Dramatik der nun folgenden Szene vorwegnimmt: denn die Mutter, gänzlich gegen ihre Gewohnheit, unterbricht tatsächlich ihre Verhandlung mit dem Antiquitätenhändler über den Preis einer Jugendstillampe und eilt zum Kind. „Mama, schau mal, da heißt einer wie der Papa. Und hier die Postkarte, die Schrift kommt mir so bekannt vor!“

Die Mutter nimmt die Postkarte in die Hand. Atmet ein. Hält die Luft an. Stille. Kaum hörbar: „Nein.“ Das ist erst einmal alles, was die Mutter dazu zu sagen hat. Auf der Fläche zwischen ihren Ohren spektakuläre Farbwechsel wie beim Chamäleon. „Das gibt es nicht.“ Und dann ein gellender Schrei, der den Händler und alle Umstehenden umgehend zum Schweigen bringt.

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Vor ihnen liegt ein Schuhkarton mit den Liebesbriefen und Postkarten der Eltern. Es ist einer von dreien, mit der gesammelten Korrespondenz aus mehreren Jahren. Die Mutter hatte sehr jung als Au-Pair-Mädchen in Paris gelebt, ein Jahr zuvor in London und dort den Vater kennen gelernt. Später haben sie geheiratet, die Hochzeit fand noch in Paris statt. In diesen Jahren gingen fast täglich Karten und Briefe zwischen London, Paris oder München hin und her.

Die endgültige Trennung der einst sehr Verliebten fand Jahre später im gelben Haus in Trudering statt. Die Tochter war damals sehr klein. Der Schmerz der Mutter war sehr groß – warum sonst hätte sie wohl ihre gesammelte Korrespondenz über Jahrzehnte aufgehoben. Bis zu dem Tag, an dem sie beschloss, auszumisten. Es war ein Samstag. Dass das Tor von der kleinen Sperrmülldeponie in der Mittelklassen-Reihenhaus-Vorortkolonie schon geschlossen war, konnte sie nicht daran hindern, die Säcke bei Einbruch der Dunkelheit einfach über den Zaun zu werfen. Bis auf den letzten, da hat sie dann wohl ihre Kraft verlassen. Diesen einen blauen Müllsack ließ sie einfach am Zaun stehen.

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Die Reiseroute der Herzenspost von Waldtrudering in die Au wird wohl immer ein Geheimnis bleiben. – Nach einem prüfenden Blick auf die Gesichter von Mutter und Tochter hat der Händler die drei Schuhkartons nicht berechnet. Die blaue Mauritius war eh nicht dabei.

 

Kommentar 1

  1. Ilse Macek 11. Mai 2016

    Das ist eine traurige schöne Geschichte, aber auch tröstlich, dass nichts verloren geht, was nicht verloren gehen soll, wie eine große Liebe…

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